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Leseprobe 3
Der letzte Schnee im Schatten der Mythen ist auch hier in Schwyz endlich geschmolzen. Der Frühling ist da. Neues Leben erwacht. Nicht nur in der Natur, sondern auch in den Köpfen der Studenten. Überall kommt es zu Unruhen. Man spricht vom Frühling '68. Hier im Kollegium Schwyz merkt man allerdings nichts davon. Umso mehr aber in Zürich, im Tessin und in Genf. Dort schliessen sich Angehörige der Jazz- und Rockkultur den jungen radikalen Studentenorganisationen an. Sie bilden die lokalen 68er-Bewegungen und fühlen sich als Hüter der "wahren" revolutionären Linie.
In der Deutschschweiz beginnt sich die POCH - die Progressiven Organisationen Schweiz - und in der Westschweiz die RML - die Revolutionäre Marxistische Liga - zu formieren. Das Herz der 68er-Unruhen ist die Universitätsstadt Zürich. Erst ist es hier noch relativ ruhig. Doch dann liest man in den Zeitungen vom "Globuskrawall", einer Krawallnacht in Zürich, bei der es mehr als vierzig Verletzte gibt, und die zu den ersten Massenverhaftungen führt. Die Studentenunruhen in der Schweiz entwickeln sich ähnlich, wie in den grossen deutschen Städten: Demonstrationen mit bis zu zwei Tausend Teilnehmern, Krawalle, abweisende Haltung der Behörden, unverhältnismässig harte Polizeimassnahen und Verhaftungen im grossen Stil.
Im Zürcher Hallenstadion ist ein Monsterkonzert angesagt. Jimi Hendrix kommt in die Schweiz. Peer, Alfredo und Thomas haben Eintrittskarten. Doch Präfekt Burri bewilligt den Konzertbesuch nicht. Er meint, das Risiko sei aufgrund der Studentenunruhen zu gross. Und er soll damit Recht haben. Beim Eingang zum Konzert werden Tausende von Flugblättern verteilt, eines mit dem Porträt von Jimi Hendrix und ein zweites mit dem Bild Fritz Teufels von der Berliner Kommune 1. In den Flugblättern steht, warum, nach Mao, Widerstand gerechtfertigt ist. Nach dem Konzert kommt es zu Tumulten. Stühle gehen in die Brüche. Die Polizei löst die Krawalle auf besonders brutale Art und Weise auf. Wieder gibt es Verletzte und Verhaftete.
Peer ist von den Studentenunruhen fasziniert. Gerne wäre er dabei. Hier könnte er im Kreise Gleichgesinnter seine aufgestaute Wut über das verhasste Establishment abreagieren. Das wäre für ihn die ideale Plattform, um gegen Autoritäten im Allgemeinen und seinen Vater im Besonderen zu rebellieren.
Als Rosalie wieder ein paar Tage bei ihren Eltern in Küssnacht verbringt, geniesst Peer seinen Abendspaziergang, wie meistens in Rosalies Abwesenheit, mit seinen Band-Kollegen und Alfredo in der "Sonne". Und wie so oft versucht er auch heute seinen Frust und seine Selbstzweifel mit ein paar Bierchen hinunter zu spülen. Meistens gelingt ihm das auch. Dann ist er jemand. Will die Welt verändern.
Wie eben jetzt wieder. Ein, zwei Bierchen zu viel, und Peer fühlt sich stark und selbstbewusst. Getrieben vom Wunsch, das ihm von seinem Vater eingepflanzte Verlierer-Image los zu werden, bringt er dann Vorschläge, die für ihn ohne Frage innovativ, für sein Umfeld aber nur schwer nachvollziehbar sind. Peer fehlen die Richtlinien, die wahren Werte, für ein funktionierendes, ausgewogenes Zusammenleben in der Gesellschaft. Werte, die er von seinem ersten Vorbild, dem cholerischen Familienvorsteher eben, auf seinen Lebensweg hätte mitbekommen sollen. Werte, die er aber nicht kennt, weil sie ihm nie vermittelt wurden. So verliert sich Peer immer wieder in Provokationen, von denen er tief in seinem Inneren selber weiss, dass sie nicht richtig sind. In solchen Momenten siegt aber sein unterdrücktes Ego. Es muss einfach raus. Auch jetzt wieder.
»Eigentlich sollten wir hier im Kollegi auch eine Bewegung wie in Zürich aufziehen und mal zeigen, dass wir uns nicht mehr alles gefallen lassen«, wirft Peer mit bereits ziemlich schwerer Zunge in den Raum.
Die Jungs schauen sich leicht genervt an. Da ist er also wieder. Einer dieser selbstzerstörerischen Gedanken eines von Minderwertigkeits- komplexen geplagten Menschen. Eigentlich haben sie schon darauf gewartet. Schliesslich kennen sie Peer lange genug und wissen über sein emotionales Defizit Bescheid. Entsprechend behutsam reagieren sie darauf.
»Und was versprichst du dir davon?«, will Alfredo wissen.
»Mehr Freiheit und mehr Lebensqualität«, antwortet Peer selbstsicher.
»Und du denkst, die da oben spuren einfach so, wenn wir uns quer stellen?«, klinkt sich nun auch Beat ein.
»Sicher nicht gleich zu Beginn«, ist sich Peer bewusst. »Es ist eine Frage der Zeit, bis sie schlussendlich einlenken müssen.«
»Die müssen überhaupt nichts. Die schmeissen dich einfach raus«, gibt Lory zu bedenken.
»Wenn alle mitmachen, haben die keine Chance. Die können nicht alle nach Hause schicken«, ist Peer überzeugt.
»Da werden die wenigsten mitmachen«, ist sich Lory sicher. »Die meisten sind doch freiwillig hier und wollen nichts anderes, als ihren Maturitätsausweis so rasch wie möglich in der Tasche. Von diesen wird sich keiner freiwillig in die Nesseln setzen.«
»Ihr seid alles Banausen«, lallt Peer schon leicht weggetreten und mit »Vreni, noch fünf Stangen« ist das Kapitel "Auflehnung gegen die Obrigkeit" für ihn erledigt - bis zum nächsten Mal.
Lory annulliert die Bierbestellung gleich wieder: »Nein, nein Vreni! Nichts mehr zu trinken! Aber zahlen, bitte!«
Die Serviertochter kassiert ein, und die Jungs kehren ins Kollegium zurück. Alfredo sucht mit Peer als Erstes die Toilette auf und bringt ihn dazu, sich den Finger in den Hals zu stecken. Peer übergibt sich ausgiebig und fühlt sich anschliessend soweit hergestellt, dass er das heutige Abendstudium ohne gross aufzufallen doch noch hinter sich bringen kann.
Endlich im Bett, fällt Peer in einen betäubungsähnlichen Tiefschlaf, noch bevor sein Kopf das Kopfkissen erreicht hat.
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